Tuesday, June 23, 2009

Schlaflosigkeit

In letzter Zeit schlafe ich sehr unruhig. Neulich Nacht wälzte ich mich wieder von einer Seite auf die andere, wachte ständig auf und war immer wieder von neuem irritiert, wenn ich einen Blick auf die Uhr warf.
Gerade war es fünf. Die Sonne schien schon durch die Vorhänge und ich ärgerte mich darüber, dass ich schon so wach war. Mein Wecker würde erst in zwei Stunden klingeln. Langsam döste ich wieder ein. Ein Kunde betrat den Laden und bestellte zehn Brötchen. Hochkonzentriert zählte ich mit: "eins, zwei, drei... - fast wäre mir eins runter gefallen - vier, fünf..." Ich reichte die Tüte über den Tresen, kassierte ab und legte mich zufrieden wieder ins Bett. "Gut, dass du schon so früh wach bist!" dachte ich mir. "Man weiß ja nie, wann die Kunden kommen."

Bis dahin hatte ich nicht gewusst, dass mir das Wohl der Kunden so sehr am Herzen liegt.

Tuesday, June 16, 2009

Gottes Gerechtigkeit

Gottes Gerechtigkeit

Im Anfang waren den Tagen unterschiedliche Aufgaben zugeordnet.
Am Tag, da Er gedachte, Gerechtigkeit zu erschaffen,
vertiefte sich Gott in die Herrstellung einer Libelle

und vergaß die Zeit.
Sie war etwa 4 cm lang,
hatte den Rücken hinab türkise Pünktchen, wie Lauren Bacall.

Gott sah sie die winzigen Draht-Ellebogen anwinkeln,
als sie das durchsichtige Gehäuse ihres Kopfes zu putzen begann.
Die Kugelaugen, montiert auf das Gehäuse,

drehten sich dahin und dorthin,
während sie jeden Winkel polierte.
Innen in dem Gehäuse,

das gläsernschwarz wie die Fenster einer Bank in der Innenstadt war,
sah Gott das Getriebe brummen,
und Er sah das Summen

wandern, entlang der türkisen Pünktchen bis hin zum Ende des Schwanzes,
und wie Licht ausatmen.
Ihre schwarzen Flügel vibrierten ein und aus.

(Anne Carson)

Tuesday, April 28, 2009

Angeregt

Die Sonne knallte mir aufs Gesicht. Und auf die Arme. Die Beine, den Bauch, die Füße. Ich fühlte mich wie im Backofen. Es war unerträglich. Ich spielte mit dem Gedanken, aufzustehen und mich in die Mitte des Busses zu stellen - dort sah es schattiger aus. Eine Haltestelle halte ich noch aus, dachte ich mir. Und dann wechsel ich den Platz. Wie soll das erst im Sommer werden? Und wenn der Bus morgens dann so voll ist, muss ich stehen. Da kipp ich doch ganz bestimmt um. Mir wurde ganz schwindelig.
Als ich gerade so in Gedanken vertieft war, stieg ein junger schwer bepackter Mann ein und strahlte mich an, während er mir entgegen lief. Ich lächelte kurz zurück, starrte dann aber sofort wie gebannt aus dem Fenster und hoffte, dass er den freien Sitz neben mir übersehen würde. Aber nein, einen Augenblick später saß er schon dort, beugte sich nach vorn, um seine Gitarre besser festhalten zu können und drehte sich dann zu mir: "Ich komm gerad von einer Jugendfreizeit. Wirklich toll. Ganz hier in der Nähe. Das war sehr abwechslungsreich. Das Thema war Identität..." Mit großen Augen starrte ich ihn an. Sprach er tatsächlich mit mir? Es gab keinen Zweifel. Er meinte mich. "Ja, also am ersten Tag sollten wir ein Diagramm zeichnen von unserem Leben. Es gab eine Gerade von Null bis zu unserem Lebensjahr und dann sollten wir die Höhen und Tiefen eintrage. Ja, wir waren sechs Männer und vier Frauen und dann noch ein paar Mitarbeiter vom Jugendkreis. Genau. Und dann haben wir alle noch ein Bild von uns gemalt. Von unserer derzeitigen Gefühlslage. Und mein Bruder - mein Bruder war auch dabei - hahaha, der hat sein Bild drei Mal übermalt, weil er nie zufrieden war. Dann hat dann eine Freundin eingegriffen und ein wenig geholfen..."
Ich musste aussteigen.

Es war wirklich eine angeregte Unterhaltung.

Katze

Ich habe mich jahrelang bemüht, Katzen (trotz meiner ausgeprägten Hundeliebe) zu mögen. Tatsächlich kann ich den kleinen Babykätzchen auch etwas abgewinnen. Die sind niedlich und flauschig. Die großen dagegen tragen ihre Nase immer ganz weit oben und haben es weiß Gott nicht nötig sich mit mir abzugeben. Als ich vor einigen Monaten eine Freundin besuchte und mich nach der Begrüßung aufs Sofa setzte, spürte ich nach kürzester Zeit die Krallen ihrer Stubenkatze an meinem Bein herunterfahren. Als wäre ich ein Kratzbaum. Sie wurde dann auf ihr eigenes Sofa verbannt (das genau ihre Größe hatte und somit auch die perfekte Liegeposition für das Vieh bot - sie stützte doch tatsächlich ihren Arm auf der Lehne ab und legte ihren Kopf darauf) und von da aus starrten mich ihre giftgrünen Augen böse an.
Ich hatte nicht erwartet, dass ich nochmal positive Erfahrungen mit diesen Tieren machen könnte.
Doch als ich neulich nach der Arbeit auf meinem Bus wartete, wurde ich eines besseren belehrt. Neben mir saß ein Mädchen, vielleicht 16 Jahre alt, das mich, kaum saß ich, sofort zutextete. Ich hasse es. Manchmal frage ich mich wirklich, ob irgendetwas an meinem Aussehen den Leuten das Gefühl vermittelt, ich hätte ein offenes Ohr für alle.
Mit einem Mal wurde die Stimme des Mädchens brüchig: "Die wird doch wohl nicht herkommen?" Ich blickte mich verwirrt um: "Wer?"
Doch sie saß schon nicht mehr neben mir, sondern hatte sich auf die Bank geflüchtet, von der aus sie irgendetwas zu beobachten schien. Eine Katze näherte sich der Bushaltestelle. Plötzlich schrie sie wie am Spieß, tänzelte nervös auf den Sitzen rum und flehte mich an, das Tier zu verscheuchen. Also stand ich auf und ging der Katze entgegen. Diese freute sich über die Gesellschaft, streifte mein Bein und machte sich auf die Suche nach etwas essbaren. "Ich kann sie nicht wegjagen. Sie ist zu zahm. Außerdem ist hier die Straße. Dass sie überfahren wird, will ich auch nicht riskieren." versuchte ich dem Mädchen zu erklären, doch dieses hörte schon nicht mehr zu, sondern starrte wie gebannt auf die Katze. Bei jeder Bewegung reagierte sie, tat einen Schritt nach rechts oder links und stieß kleine Schreie aus, wenn sie nicht gerade unverständlcihe Dinge in sich hinein murmelte. Dem Tier machte es nichts. Es schien sich sogar über diese Aufregung am späten Abend zu freuen und blieb noch eine Weile bei uns. Erst schleckte sie ein Kaugummi von der Straße, dann fraß sie ein gelbes Weingummi (die gelben mag ich auch am liebsten) und dann machte sie sich über einen grünlichen schmierigen Rotzfleck her.

Alles in allem kann ich behaupten, mich in diesem Moment gut amüsiert zu haben.

Friday, April 17, 2009

Von Eva und dem Bösen

Wenn nicht Eva die erste Frau im Paradies gewesen wäre, sondern ich (und nebenbei bemerkt konnte ich mir das ziemlich gut vorstellen), dann hätte ich mir nicht von dieser dummen Schlange das Ohr abkauen lassen. Und schon gar nicht hätte ich in den Apfel gebisssen und ihn danach auch noch dem Mitläufer Adam angeboten. Es gab jawohl genug andere Bäume mit Früchten im Garten. Hunger hatten die beiden sicher nicht leiden müssen. Und ganz abgesehen davon: Was reizte Eva daran, so schlau zu sein wie Gott? Die beiden hatten doch alles, was sie brauchten. Einen Spielkameraden und einen Haufen Tiere. Sie konnten mit den Tigern und Löwen tollen, sich mit den Vögeln unterhalten und ihre Bananen mit den Affen teilen. Außerdem schien ganz bestimmt immer die Sonne. Denn so weit ich weiß, gab es keine Häuser, in denen sich sich unterstellen konnten.
Unsgeheim war ich ganz schön sauer auf Eva. Denn hätte sie sich nicht von ihrem Heißhunger leiten lassen, könnte ich jetzt mit den Schimpansen spielen und Schlangen bewundern, die noch Beine hatten.
Aber mir blieb der Trost, dass es nach dem Tod wieder so ein Paradies geben sollte... Wobei, wie gesagt: Diese - nicht gerade kurze Unterbrechung - hätte mir ja erspart bleiben können. Ich hätte mit Sicherheit eine bessere Eva abgegeben.
Wobei ich es auch nicht ganz fair fand, dass Gott diesen Baum überhaupt in den Garten gestellt hat. Ich persönlich hätte es für sinnvoller gehalten, einfach gar keinen zu pflanzen. Aber gut, Gott zu sein kam für mich nicht in Frage.
Mittlerweile beschäftigt mich letztere Frage doch mehr. "Aber Maren" antworten dann die Christen, wenn ich sie frage, wozu dieser Baum überhaupt dort herum stand. "Gott wollte doch keine Marionetten. Er wollte, dass sich der Mensch freiwillig für ihn entscheidet." Darauf denke ich dann: "Soso." und frage mich: Wenn Gott wollte, dass sich der Mensch entscheidet, dann gab es also Gott und das Böse - ein dualistisches System und der Mensch hatte angeblich die freie Wahl. Dann wiederum stellen sich mir zwei Fragen. Nummer 1: Woher kam die Schlange? Irgendeiner Bibelstelle nach (die ich jetzt nicht zitieren kann - einerseits aus Faulheit, andererseits, weil ich keine Bibel besitze, weil Jerry sie zerfressen hat) ist Satan ein gefallener Engel. Das heißt, die beiden Gegenspieler existierten nicht von Anfang an. Und damit komme ich zur zweiten Frage: Wie kann ein Engel fallen? Gab es dann das Böse schon vorher? Und was genau ist das Böse? Anscheinend hatte der Engel schon diese "sündhafte" Veranlagung. Oder ist durch den Hybris-Fall das Böse aus dem Nichts entstanden. Wie beim Urknall? Und hat Gott eigentlich auch die Engel geschaffen?
Und um jetzt wieder zum Paradies zurückzukommen: Hat Gott, wenn er den Menschen geschaffen hat, ihm nicht auch sein Wesen verliehen - mit dem sündhaften Teil? Was also kann der Mensch für sein Wesen? Er kommt auf die Welt und ist gleich schuldig, denn so wurde er kreiert. Der Mensch wird also schuldig in ein bestehendes System geboren, aus dem er nicht entrinnen kann, das er sich aber auch nicht ausgesucht hat. Und dann soll er sich freudestrahlend an einen Gott ketten, der ihn erst erschafft und dann verbietet, so zu sein wie er ist. Und zu guter Letzt muss er sich selbst verleugnen, sich als schuldig bekennen - denn sonst droht im die Hölle.
Wo ist das Gute in Gott?

Thursday, April 09, 2009

Pubertät II

Wir saßen in der Wohnung und warteten. Es sollte noch jemand vorbei kommen und das Klavier abholen. Endlich klingelte es an der Tür und herein kam ein strahlendes Mädchen, das noch schnell im Flur die wichtigsten Informationen mit S. über das Klavier austauschte. Ich blieb im Wohnzimmer sitzen, schaute fern und hörte mit halben Ohr das Gespräch mit. Im Augenwinkel konnte ich die beiden sehen. Irgendwie kam sie mir bekannt vor. Und die Stimme war mir auch vertraut. Ich schaute genauer hin und traute meinen Augen nicht: Es war das Mädchen aus dem Bus! Die, die so glücklich darüber ist, nicht mehr in der Pubertät zu sein. Und die Haare färben so lustig findet!
Mittlerweile waren die beiden schon bei der Verabschiedung angelangt. Gerade öffnete sich die Tür, als S. noch sagte: "Schön, dass so jemand sympathisches mein Klavier bekommt!"
Da konnte ich ihr nur beipflichten.

Wednesday, March 11, 2009

Horoskop

Ich hatte mir gerade eine Pizza in den Ofen geschoben und legte die Bücher für meine Hausarbeit für eine kurze Pause zur Seite. Mit der einen Hand griff ich zu einer Zeitschrift, mit der anderen zu der Kekspackung direkt neben mir.
Nach einigen Minuten gelangweilten Blätterns schlug ich die Horoskop Seite auf - nein, viel mehr die "Glamourskop" Seite. Ich begann zu lesen:
"Don't: (...) nur Süßes futtern! Knabbern Sie Möhren, dippen Sie Sellerie!"

Ich weiß nicht mal, wie Sellerie aussieht.

Und zu allem Überfluss wird am 16.03. (ich bin sehr dankbar, dass mir das genaue Datum gegeben wird - so kann ich mich schonmal darauf einstellen) ein Kinderwunsch in mir aufflammen.
Wenn das mal nichts ist.

Tuesday, March 10, 2009

Pubertät

Es war mittags. Und ich saß im Bus. In meinen Händen lag ein Kafkaroman, den ich für die Uni lesen sollte. Ich versuchte, mich zusammen zu reißen, nicht aufzugeben. Ich kämpfte mit den Worten, mit der Langatmitigkeit und vor allem damit, die Namen der Protagonisten auseinander zu halten. Meine Augenlider waren bleischwer, doch ich hielt durch. Tapfer und unbeirrt.
Doch dann änderte sich alles schlagartig. Haltestelle "Schubertstraße" sollte mein Schicksal für einige Minuten verändern. Zwei Mädchen stiegen ein, setzten sich mir schräg gegenüber und begannen sich lautstark zu unterhalten. Meine Ruhe war dahin, ich klappte das Buch zu und schaute aus dem Fenster. Doch immer wieder wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Die beiden fanden sich gegenseitig unglaublich lustig. Sie gackerten wie die Hühner - nur noch ein wenig lauter und unterhielten nicht nur sich selbst, sondern auch gleich den ganzen Bus. "Ich hab überlegt, mir die Haare braun zu färben." sagte die eine. Und die andere brach in ohrenbetäubendes Gelächter aus. Sie wurden immer lauter, oft quickten sie, während sie sprachen. Teilweise stießen sie sogar kleine Schreie aus, wenn sie etwas ganz besonders amüsierte. Ich musterte die beiden. Sie mochten wohl Anfang zwanzig sein. Hatten sie getrunken? Oder gekifft? Ihr Verhalten erinnerte mich an kleine Teeniemädchen, die das erste mal Alkohol probiert hatten. Sie fanden einfach alles irre komisch und konnten nicht mehr an sich halten. Doch wieder wurde mein Gedankengang unterbrochen. Das Mädchen, das die Idee, sich die Haare zu färben, so verdammt lustig fand, starrte mit einem melancholischen Blick auf den Boden und murmelte vor sich hin: "Ich bin so froh, dass ich nicht mehr in der Pubertät bin."
Ihre Freundin und ich schauten sie mit fragenden Augen an. "Na, das ist mir gerade so eingefallen." antwortete sie.