
Ich hatte mit den römischen Dichtern abgeschlossen. Schon vor etwa sieben Jahren, als ich mit einem bestandenen Latinum, bezeugt in meinem Zeugnis, meine Kompetenzen hinsichtlich der lateinischen Sprache und Literatur endlich in offizieller Form in den Händen hielt. Unser Kurs war klein, wir waren nicht mal zehn Leute und wenn man es genau nimmt, gab es unter uns eine Person, die die grammatischen Formen beherrschte. Wir anderen begnügten uns beim Übersetzen mit lustigem Rätselraten und hatten damit eher mäßigen Erfolg. Besonders gefallen haben mir damals die Metamorphosen von Ovid. Es ist wirklich erstaunlich, wieviel einfacher es ist, einen Text zu übersetzen, dessen Inhalt man schon kennt (und den man sich vorher in deutscher Version aus dem Internet gezogen hat).
Jetzt, in meinem vorletzten Semester - ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet - tauchte mein römischer Freund wieder auf. Mittwoch las ich
Ars amatoria - auf deutsch. Es war ein ganz anderes Leseerlebnis als erwartet.
Schon der Titel des ersten Kapitels machte deutlich: Hier geht es um ernste Themen. Denn die Frage lautete:
"Wo sind Mädchen zu finden?" Die folgenden Überschriften geben Antworten, denn:
"Das Theater", "
Zirkus und Arena" oder
"Das Gastmahl" sind geeignete Orte, um dem weiblichen Geschlecht nachzustellen. Nachdem diese Frage geklärt wurde, widmet sich der Autor weitaus wichtigeren Problemen, wie "
Selbstvertrauen" oder - was mir ja besonders gefiel -
"Geschenke und Liebesbriefe". Es folgen eine Reihe Tipps und Tricks, wie ein Mann eine Frau auf besonders charmante Art und Weise für sich gewinnen kann. Dabei wird auch für die Pflege des Mannes ein eigenes Kapitel geschrieben.
"Nachlässige Schönheit steht Männern. (...) Die Zunge am Schuh stehe nicht vor, die Zähne seien frei von Belag, und der Fuß schwimme nicht schlotternd in zu weitem Leder. Der Haarschnitt entstelle nicht dein Haar zu Stacheln, Haar und Bart seien von kundiger Hand geschnitten. Laß die Nägel nicht vorstehen, laß sie sauber sein, und aus den Nasenlöchern stehe dir kein Härchen hervor. Auch soll der Mund nicht übel riechen, der Atem nicht widerlich sein, und unter den Achseln soll nicht der stinkende Bock, der Herrr der Ziegenherde, hausen. "Aber auch bei den Damen hat der Autor ganz genaue Vorstellungen. Mit ihrer Pflege jedoch hat er sich in einem gesonderten Projekt genauer beschäftigt:
"Ich habe ein Büchlein geschrieben, in dem ich von euren Schönheitsmitteln gesprochen habe; es ist zwar klein, aber doch groß durch die Sorgfalt, die ich darauf verwendet habe. Sucht euch dort Rat und Hilfe für eure angeschlagene Schönheit." (Ohnehin findet Ovid die meisten Frauen eigentlich eher unansehnlich. Gott sei Dank kann man gegen diese Mängel ja etwas tun).
Die Schönheit spielt auch beim Geschlechtsakt eine Rolle, die er nur in einem kurzen abschließenden Kapitel (selbstverständlich peinlich berührt durch die Notwendigkeit dieses Themas) behandelt. Denn wer kein hübsches Gesicht hat, sollte sich seinem Partner lieber nur von hinten zeigen.
Nebenbei bemerkt ist dieses Buch etwa 2000 Jahre alt.
Ein wenig verunsichert hat mich allerdings das Kapitel:
"Gesellschaftspiele", denn darin schreibt er:
"Es ist eine Schande, wenn ein Mädchen sich nicht aufs Spielen versteht." Speziell in diesem Bereich musste ich bei mir noch Defizite feststellen, um die ich mich dringend kümmern sollte.